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Charter: Illuminierte Urkunden 1330-1340-ca_unbekannt
Signature: 1330-1340-ca_unbekannt
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keine Angabe: (kunsthistorisch: 1333-1337, 1334-1335? erschlossen aufgrund der Aussteller), (Avignon)
Bischofsammelindulgenz für einen nicht genannten Empfänger [Text nicht ausgeführt bzw. grosse Textteile im 19./20. Jahrhundert nachgetragen]: 10 ausstellende Bischöfe werden genannt (siehe Volltext und diplomatischer Kommentar). Die Siegel weisen auf ursprünglich 12 vorgesehene Aussteller.
Source Regest: Bearbeitungsstand: HOCH
 

Original
Current repository
ehem.: Paris, Auktionshaus Ader, 2020 Dezember 9, Lot 5: Schätzpreis Euro 1000-1200; Verkaufspreis (mit Aufschlägen) Euro 2048.-


Von den ursprünglich vorhandenen 12 Siegeln der als Aussteller vorgesehenen Bischöfe sind bloss Reste erhalten. Von allen anhangenden Siegeln sind Teile der Siegelschnüre (farblich leicht unterschiedlicher Hanf) vorhanden. Vom zweiten, dritten, achten, neuten und elften Siegel sind Reste des Siegelwachses erhalten. Diese verbinden jeweils die rechte und linke Aufhängung, Schnüre und Siegel waren immer mit diesem Pergament verbunden. Von den Siegelbildern sind minimale Reste erhalten (siehe die entsprechenden Detailaufnahmen).Material: Pergament
Dimensions: 48,8/49 + 4/5 (Plica) x 68,8 cm
Condition: 
Ein drei Mal vertikal und zwei Mal horizontal gefaltetes, verso vor allem in den durch die Faltung der Berührung besonders ausgesetzten Feldern stärker verschmutztes Pergamentblatt mit Resten von Siegelschnüren und Wachssiegeln (siehe dort). Die Versoseite ist deutlich gelblicher als die Rectoseite, was für die südlich der Alpen übliche Vorbereitung von Pergament (Haar- und Fleischseite sind so unterscheidbar) charakteristisch iund gängige Praxis bei Avignoner Bischofsammelablässen ist.
Recto ist das Blatt weitgehend leer. Die technische Untersuchung (siehe unten: Technische Analysen) ergab, dass die heute leeren Teile nie beschriftet waren. Mittig unten über der Plica ein dunklerer Fleck. Ein weiterer, rötlich scheinender Fleck, rechts am Ende der zweiten bis vierten Zeile. Die Tintenfarbe der ersten Zeile (kleine Initialen und Zierschrift) ist erkennbar dunkler als die Tinte der folgenden Teile. Die technischen Analysen (Röntgenfluoriszenz) ergaben einen Anteil von Quecksilber, was für die Verwendung von Eisen-Gallus-Tinte spricht.
Die Faltung hat zu Abrieb der Farbe sowohl bei der Tinte der ersten Zeile als auch bei der Tinte und den Farben der kleinen und der grossen Initialen geführt. Die Kontextschrift (ab 2. Zeile) in Tinte führt nie über einen solchen Falz. Bei der Figur des hl. Stephanus ist ein kleines Pergamentstück ausgebrochen.
Vor allem das Grün ist brüchig. Dunklere Übermalungen sind erkennbar. Diese Übermalungen weisen auf Grund des Arsenanteils (Röntgenfluoriszenz) auf ein Pigment, das im 19. Jahrhundert üblich war (Schweinfurter Grün - siehe unten: Technische Analysen). Im unteren Bereich des linken Schaftes der U-Initiale fehlen sowohl die Konturlinie des Buchstabens als auch der Farbauftrag für den roten Zwickel des Aussengrundes der Initiale als auch der Füsse des hl. Stephanus und die Säume seines Untergewandes. Die Ultraviolett-Photographie ergab auch in diesem Bereich, dass nichts entfernt wurde. Alle Pigmente (mit Ausnahme des Schweinfurter Grüns) sind in der angenommenen Entstehungszeit (um 1330/40 - siehe "Stil und Einordnung") üblich. Sie sind freilich auch bis heute in Gebrauch.
    Graphics: 






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      • Materielle Beschreibung: 
        Historisierte Avignoner Bischofsammelindulgenz: Vorhanden sind die gemalte Initiale U(niversis), die erste Textzeile in stark vergrösserter Textualis mit vier kleineren gemalten Initialen (U)n(iversis), S(ancte), M(atris) und E(cc[esi]e) sowie in der fünften Zeile eine einzeilige gemalte Initiale S(plendor).

        Schrift:
        In der zweiten Zeile sieben Worte in Tinte, darunter n(os) auseinandergezogen mit Binnenfelddekoration, der Rest der Zeile in mit Stift gezeichneten Konturen; in der dritten Zeile vier Worte in Tinte, der Rest der Zeile in mit Stift gezeichneten Konturen; in der vierten Zeile nur zwei Worte in Tinte; in der fünften Zeile nur die gemalte Initiale; in der sechsten Zeile nur zwei Wortteile in Tinte, in der siebten nur ein Wort - alle unmittelbar an die grosse Initiale anschliessend. In der achten Zeile eine cadellenartig geformte Majuskel O[mnibus] unterhalb der grossen gemalten Initiale sowie ein (tironisches) et direkt neben dem rechten Ausläufer der Initiale. Keine Linierung erkennbar.
        Links oberhalb der Initiale findet sich der Vermerk Stephanus, der mit grosser Wahrscheinlichkeit dem mittelalterlichen Schriftbestand zuzuordnen ist. Hierbei handelt es sich wohl um eine Anweisung an den Maler, welcher Heilige in dieses Feld zu setzen ist. Ähnliches - wobei ausführlicher - ist etwa auch in der Indulgenz für Asbach vom 10. Jänner 1336 zu finden.
      • Initiale:
        Im Binnenfeld der grossen Initiale eine stehende und bekrönte Maria mit bekleidetem Jesuskind vor quadriertem blauviolettem Grund.
        Vor dem linken Schaft der hl. Stephanus mit den Werkzeugen seines Martyriums, den Steinen, in der Rechten. Im Saumbereich seiner Dalmatika bricht die Malerei vollständig ab; nur noch sein rechter Fuss und der Saum seines Untergewandes sind zu erkennen. Es fehlen sowohl etwaige Vorzeichnung als auch Farbauftrag.
        Vor dem rechten Schaft eine stehende hl. Katharina mit Märtyrerpalme und kleinem Rad.
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      • Stil und Einordnung: 
        Das Katalogisat des Auktionshauses ging von einer unvollendeten Urkunde aus (document inachevé). Es ist freilich offensichtlich, dass die Fragen, die die vorliegende vielschichtige Quelle aufwirft, interdisziplinär untersucht werden müssen. Neben der Kenntnis der Produktion der Avignoner Werkstatt (viele in Rom und Avignon von ca. 1280 bis 1364 ausgestellten Sammelablässe sind in der Sammlung https://www.monasterium.net/mom/IlluminierteUrkundenBischofsammelablaesse/collection zusammengestellt) wurden auch technische Untersuchungsmethoden einbezogen.
      • Formal entsprechende Bischofsammelablässe - mit vollständig ausgeführter Initiale, Zierschrift und kleinen Initialen in der ersten Zeile, vollständigem Text und Besiegelung - sind aus Avignon aus dem Jahrzehnt von 1333 bis 1337 bekannt. Beispielhaft sei ein 1335 April 6 datiertes Stück für Aken genannt.
      • Die Reihenfolge der Besprechung mag zuerst verwundern, da der Text und die Schrift nicht an erster Stelle stehen. Es ist jedoch offensichtlich, dass diese Elemente zumindest zu einem grossen Teil erst zu einem späteren Zeitpunkt entstanden sind.

      • Ikonographie:
        Vergleiche den Glossareintrag Ikonographische Diversifizierung und die - freilich in einem anderen Stil ausgeführte - Sammelindulgenz vom 18. Jänner 1333.
      • Stil:
        Stilistisch sind die gemalten Initialen wie auch die Hauptinitiale mit ihren Figuren gut zu bestimmen. Die Werkstatt der Avignoner Bischofsammelindulgenzen der 1330er Jahre vertritt diesen effizienten und plakativen Stil.
      • Vergleicht man etwa die kleinen gemalten Initialen und die Schrift mit Fragmenten, die sich in der Sammlung McCarthy befinden (1333-1337; das Datum aufgrund von Vergleichen erschlossen), ergeben sich Übereinstimmungen, vor allen auch bei der Schrift und den kleineren Initialen der ersten Zeile. Auch die Madonnenfigur und die hl. Katharina sind verwandt. Die malerische Durchgestaltung der Oberflächen ist bei diesem Vergleich freilich etwas sorgfältiger und auch der Ausstattungstypus reicher.
      • Die Gottesmutter mit dem Christuskind, das einen rot-weissen Ball in der Linken hält und mit der Rechten zu der Blume in Mariens Rechter weist/ greift, folgt derselben Vorlage wie die Indulgenzen für Halberstatt vom 10. November 1334, für Halle von 1335, für Asbach vom 10. Jänner 1336 oder für Göttweig vom 3. August 1337.
        Den quadrierten graublauen Hintergrund mit den weissen Mustern findet auf man dem Ablass für Aken vom 6. April 1335. Katharina steht auch nicht allein, selbst wenn man berücksichtigt, dass ihr Rad nur über vier Speichen verfügt: man sieht die vier Speichen beispielsweise auf den Indulgenzen für Sterzing vom 19. Dezember 1333, für Halberstatt vom 10. November 1334 (dort seitenverkehrt) sowie - als späteres Beispiel - auf der Indulgenz für die Michaelskapelle in Rottweil vom 12. Mai 1337.
        Stephanus hingegen ist bisher nur einmal auf der Indulgenz für Kirchberg nachweisbar (siehe bei 18. Jänner 1333); diese Darstellung ist nicht vergleichbar. Eine ungefähre Idee, wie die Vorlage für diese Figur ausgesehen haben mag, liefert die im 15. Jahrhundert überarbeitete Initiale für St. Laurenz in Wien (1331 Mai 5). Wie der rechte Fuss des Stephanus den Kontur der Initiale überschnitten hat, kann man am Engel Gabriel des Ablasses für Nürnberg vom 6. Juli 1335 nachvollziehen.
        Die dekorierten Initialen der ersten Zeile ebenso wie die Gestaltung der Auszeichnungsschrift stimmen mit den Indulgenzen für Stein bei Oberdrauburg vom 24. Juni 1334, für Halberstadt vom 10. November 1334, für Nürnberg vom 6. Juli 1335, für Mondsee vom 14. Juni 1336 oder für Waldburg vom 18. Mai 1337 überein; das wie eine Art Judenhut geformte Abkürzungszeichen über Ecclesiae findet sich in dem Nürnberger Ablass sowie in dem für Bern vom 22. Oktober 1335, dem für Münnerstadt vom 4. Jänner 1337 wie auch in dem für Waldburg. Die einzeilige Initiale S(plendor) sieht man in einer ähnlichen Postion bei der Urkunde für die Wiener Schotten vom 22. März 1335.
      • Aus stilistischen Überlegungen ist es plausibel, die in Rede stehende Indulgenz in diese Zeit zu datieren.

      • Zu den Herstellungsschritten:In der Regel wird ein zu beurkundendes Rechtsgeschäft zuerst niedergeschrieben und dann als Beglaubigung besiegelt. Es sind jedoch seltene Fälle bekannt, wo von dieser Praxis abgewichen wurde und ein Blankett - ein Pergament ohne Text - besiegelt wurde. Ein Beispiel hat sich für die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts bzw. die Zeit um 1300 erhalten: An einem leeren Pergamentblatt findet sich das Siegel des Markgrafen Otto (IV.) von Brandenburg (gest. 1308/1309), siehe die Abbildung in Posse, Privaturkunden (1887),
        In der Regel wird ein zu beurkundendes Rechtsgeschäft zuerst niedergeschrieben und dann als Beglaubigung besiegelt. Es sind jedoch seltene Fälle bekannt, wo von dieser Praxis abgewichen und ein Blankett - ein Pergament ohne Text - besiegelt wurde. Ein Beispiel hat sich für die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts bzw. die Zeit um 1300 erhalten: An einem leeren Pergamentblatt findet sich das Siegel des Markgrafen Otto (IV.) von Brandenburg (gest. 1308/1309), siehe die Abbildung in Posse, Privaturkunden (1887), In der Regel wird ein zu beurkundendes Rechtsgeschäft zuerst niedergeschrieben und dann als Beglaubigung besiegelt. Es sind jedoch seltene Fälle bekannt, wo von dieser Praxis abgewichen wurde und ein Blankett - ein Pergament ohne Text - besiegelt wurde. Ein Beispiel hat sich für die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts bzw. die Zeit um 1300 erhalten: An einem leeren Pergamentblatt findet sich das Siegel des Markgrafen Otto (IV.) von Brandenburg (gest. 1308/1309), siehe die Abbildung in Posse, Privaturkunden (1887), Taf. XXVII (zur Besiegelung von Blanketten auch allgemein Posse, Siegel (1913), S. 212 sowie Bilderpracht und Seelenheil, 2019,
        Aus der Avignoner Werkstatt sind zwar keine Blankette bekannt, aber zumindest besiegelte Urkunden, bei denen die Aussteller, die Empfängerinstitution und das Datum in einem zweiten Arbeitsschritt in ein Formular nachgetragen wurden: vgl. zum Beispiel 20. August 1333 und Bilderpracht und Seelenheil, 2019, S. 127-129 (Gabriele Bartz, Markus Gneiss). Bei einem 1348 März 3 für St. Peter in Naklo ausgestellten Sammelablass hat sich die Tinte des vorgefertigten Formulars grün verfärbt, während die der Ergänzungen schwarz blieb.
        Bei einer Urkunde von 1317 Mai wurde auf das Nachtragen der Aussteller sogar verzichtet, obwohl deren Siegel angebracht wurden. Das massenhafte Herstellen von Sammelindulgenzen lässt es zumindest möglich erscheinen, dass aufgrund heute unbekannter aussergewöhnlicher Umstände von der vorgegebenen Reihenfolge bei der Herstellung abgewichen wurde. Auch dass die (ikonographisch nicht besonders spezifische) Initiale und die immer gleichbleibende erste Zeile in einem ersten Arbeitsschritt schon vorhanden waren, wäre grundsätzlich vorstellbar. Auch bei der Illuminierung sind Beispiele erhalten, bei der die Fertigstellung zumindest in Zweifel zu ziehen ist: Die Indulgenzen für Weingarten vom 15. Februar 1340 (dort fehlt eine Farbe - Grün? - für die Ranken), für Minden vom 9. Jänner 1341 (dort fehlt eine Farbe für die Gewänder und die Ranken) oder für Passau vom 19. Juni 1342 (dort fehlt Farbe auf den Schäften). In unserer Sammlung findet sich jedoch kein Beispiel, bei dem die fertigen Malschichten plötzlich abbrechen.
      • Siegel:
        Der sehr schlechte Erhaltungszustand der Siegel ist ein Phänomen, das bei vielen Sammelindulgenzen zu beobachten ist. Es wird in der Regel mit dem Herzeigen der Urkunden an der Ablasstagen begründet. Zudem sind die Siegel bei der (zusammengefalteten) Aufbewahrung starker Abnützung bei jeder Manipulation ausgesetzt.
        Unklar ist freilich, warum ein Pergament, das, wenn die technische Analyse stimmt, nie einen Urkundentext enthielt, überhaupt aufgehoben werden sollte. Auszuschliessen ist, dass es hergezeigt wurde, um Ablass zu gewinnen. Der Zustand der Siegel ist also durch die üblichen Erklärungsmuster nur unzureichend erklärbar.
        Ebenso absurd erscheint jedoch die Vorstellung, im 19. oder 20. Jahrhundert hätte jemand, aus welchem Grund auch immer, die Besiegelung gefälscht und diese dann in den vorliegenden Zustand gebracht. Und selbst wenn jemand auf originale, bereits in diesem Zustand befindliche Siegel zurückgreifen hätte können, hätte er diese von der Urkunde, auf der sie sich ursprünglich befunden hätten, nicht ohne Beschädigung zumindest der Siegelschnüre lösen können.
        Die Art der Siegelbefestigung erregt indes keinen Manipulationsverdacht, da sie der gängigen Praxis der Avignoner Sammelablässe entspricht; auch dass sich die Farbigkeit der Siegelschnüre unterschiedlich erhalten hat, ist aus zweifelsfrei authentischen Stücken bekannt, siehe z. B. die Indulgenz vom 31. Mai 1333 für Schildesche oder jene vom 22. März 1335 für die Pankrazkapelle am Hof in Wien.
        Die Autopsie am Original legt zudem nahe, dass die Schnüre deutlich älter als jener zur Diskussion stehende Manipulationszeitraum des 19./20. Jahrhunderts sind. Das grössere Loch auf der linken Seite der Urkunde, das fast bis zum oberen Ende der Plica reicht, scheint jedenfalls erst nach Besiegelung des Pergaments entstanden zu sein, da auch ein Teil der Siegelschnur beschädigt wurde. Es ist daher - so schwer dies vorstellbar ist, da ja der zu besiegelnde Text offenkundig nie ausgeführt wurde - davon auszugehen, dass die Besiegelung original ist.
      • Original und/oder Fälschung:
        Peter Kidd vermutete, bei dem vorliegenden Stück handle es sich um eine Kopie des 19. oder 20. Jahrhunderts. Er ging davon aus, dass der Text, der in Tinte begonnen wurde, dann mit Stift konzipiert stehen blieb und dann gar nicht mehr ausgeführt wurde. Kidd führte an, dass das allenthalben vermutete Abwaschen von ursprünglich vorhandenem Text Verwischungen verursacht haben müsste.
      • Nachmittelalterliche Ergänzungen:
        Einzelne Teile des vorliegenden Stückes können zweifelsfrei oder zumindest mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit als nachmittelalterlich bestimmt werden.
        Das Grün von Mariens Kleid ist mit einem etwas dunkleren Pigment restauriert worden; man erkennt die Partien an ihrer opaken Oberfläche, die sich von der ursprünglichen mit ihren Brüchen in der Farbe unterscheidet (vgl. z.B. dazu das für die Werkstatt übliche brüchige Grün bei 1337 August 3). Dass der dunklere Grün-Ton nachmittelalterlichen Ursprungs ist, haben auch die technischen Untersuchungen ergeben, die das Pigment als Schweinfurter Grün bestimmen (vgl. den Vorbericht zum technischen Gutachten von Manfred Schreiner: Mail vom 28. Juni 2021).
      • Die Schriftkonturen (wohl mit Ausnahme der ersten Zeile) wurde mit Stift vorgezeichnet, wie dies vor allem bei jenen Teilen sichtbar ist, die nicht (in einem zweiten Schritt) mit brauner Tinte "ausgemalt" wurden. Dass die heute als tintenfarbige Schrift sichtbaren Teile so hergestellt wurden, lässt sich zum Beispiel am Wort "Salonen (mit Kürzungsstrich)" in der dritten Zeile gut erkennen. Man verleiche die noch sichtbaren Stiftlinien am unteren Ende der "l" und des "e". Der/die AusmalerIn hat sich beim Kürzungsstrich über "epus" (für episcopus) nicht an die durch die Konturvorzeichnung vorgegebene Länge des Kürzungsstriches gehalten, sondern diesen bereits über dem "u" enden lassen. Zu diesem Zeitpunkt ging der/die HerstellerIn wohl noch davon aus, dass die Vorzeichnungen durch Radieren entfernt werden würden.
      • Das oben Gesagte macht wahrscheinlich, dass der Text ab der zweiten Zeile als Ergänzung (wohl des 19. bzw. 20. Jahrhunderts) anzusehen ist. Das Wissen, welche Bischöfe gleichzeitig in Avignon anwesend waren, um Sammelablässe auszustellen steht heute Dank der Forschungen zu diesem Projekt der Wissenschaft zur Verfügung. Um eine korrekte Bischofsliste zu schreiben, hatte man bloss die Möglichkeit, die Aussteller von einem Original zu kopieren. Bisher ist kein Sammelablass bekannt, der als Vorlage gedient haben könnte.
      • Freilich, auch dass es sich um eine Eins zu eins-Kopie einer Vorlage handelt, ist wegen des höchst ungewöhnlichen "Fertigstellungsgrades" auszuschliessen. Wer schreibt eine Textvorlage nicht kontinuierlich ab, sondern bloss einzelne Worte in einzelnen Zeilen? Dies ist sowohl für das Mittelalter auszuschliessen als auch für einen Kopisten des 19. oder 20. Jahrhunderts.
      • Ein möglicher Erklärungsansatz, warum die Ausmalung der Schriftkonturen eingestellt wurde, könnte sein, dass an keiner Stelle mit Tinte ausgemalt wurde, die durch die Faltung des Pergaments uneben war.
      • Technische Analysen:
        Von Manfred Schreiner und seinem Team (Ernst Hammerschmied, Wilfried Vetter) an der Akademie der Bildenden Künste in Wien wurden am 11. Mai 2021 folgende Analysen durchgeführt: Infrarot-Aufnahmen (Bereich bis ca. 1100nm), Infrarot-Reflektographie (bis ca. 1700 nm), Ultraviolett-Fluoreszenz-Aufnahme, Materialanalyse mittels Röntgenfluoriszenz.
        Von Manfred Schreiner und seinem Team (Ernst Hammerschmied, Wilfried Vetter) an der Akademie der Bildenden Künste in Wien wurden folgende Analysen durchgeführt: Infrarot-Aufnahmen (Bereich bis ca. 1100nm), Infrarot-Reflektographie (bis ca. 1700 nm), Ultraviolett-Fluoreszenz-Aufnahme, Materialanalyse mittels Röntgenfluoriszenz.
      • Die Infrarot-Aufnahmen zeigen keinerlei Spuren von Schrift in den Bereichen, die bei Normallicht (ca. 400-780 nm) unbeschriftet erscheinen. Dies gilt auch für den Bereich der Initiale, bei dem unter natürlichem Licht die Malerei fehlt.
      • Gabriele Bartz, Markus Gneiss, Martin Roland
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      Universis sancte matris ecclesie / filiis ad quos presentes littere pervenerint. Nos [ab hier nur die Schriftkonturen in Bleistift] miseracione divinia Guillelmus Antibarensis archiepiscopus, Franciscus Wospannensis episcopus [!], Petrus Montismaranis / episcopus, Philippus Salonensis episcopus, [ab hier nur die Schriftkonturen in Bleistift] Bartholomeus Comaclensis episcopus, Galganus Aleriensis episcopus, Andreas Coronensis episcopus, Alamannus Suanensis episcopus, Nicholaus Scarpatensis / episcopus, Johannes / S / [...] cipue be / in / O[...] et||
      Das S der 5. Zeile soll wohl den Beginn der Arenga Splendor paterne glorie markieren, die sich (ebenfalls passend) tunc precipue benigno fortsetzt. Die unterhalb Marias zu sehende Initiale O bzw. das et passen ebenfalls zum üblichen Formular bzw. Diktat der Avignoner Sammelindulgenzen und sollen den Beginn der Formel omnibus vere penetentibus et confessis... markieren.||
      Nach einer Transkription des Auktionshauses mit Ergänzungen von Martin Roland und Markus Gneiss
      Bibliography
      Als im 19./20. Jahrhundert niedergeschriebene Aussteller finden sich:
      Guillelmus von Bar (Antibarensis) - derzeit (Juli 2021) von 1329-1337 als Aussteller illuminierter Sammelindulgenzen nachweisbar
      Franziskus von Kertsch (Wospannensis) - derzeit von 1333-1336 (sicher), vielleicht noch 1337 als Aussteller illuminierter Sammelindulgenzen nachweisbar; im vorliegenden irrig lediglich als episcopus tituliert, obwohl er Erzbischof war
      Petrus von Monte Marano (Montismarani) - derzeit von 1331-1343 als Aussteller illuminierter Sammelindulgenzen nachweisbar
      Philipp von Salona (Salonensis) - derzeit von 1334-1337 als Aussteller illuminierter Sammelindulgenzen nachweisbar
      Bartholomäus von Comacchio (Comaclensis) – derzeit lediglich 1335 als Aussteller illuminierter Sammelindulgenzen nachweisbar
      Galganus von Aleria (Aleriensis) - derzeit von 1330-1335 und 1342 als Aussteller illuminierter Sammelindulgenzen nachweisbar
      Andreas von Coron (Coronensis) - derzeit von 1334-1339 als Aussteller illuminierter Sammelindulgenzen nachweisbar
      Alamannus von Soana (Suanensis) - derzeit von 1331-1338 als Aussteller illuminierter Sammelindulgenzen nachweisbar
      Nikolaus von Karpathos (Scarpatensis) - derzeit von 1334-1336, wohl auch noch 1337 als Aussteller illuminierter Sammelindulgenzen nachweisbar
      Johannes […], nicht weiter ausgeführt, vielleicht war der zwischen 1332 und 1337 häufig in Avignoner Sammelindulgenzen genannte Johannes von Terralba gemeint
      Mit aller Vorsicht ergibt sich aus dieser Zusammenstellung ein Zeitfenster für die Jahre 1334 und 1335. Dem Schreiber des 19./20. Jahrhunderts waren Sammelindulgenzen auf jeden Fall geläufig, da er die Aussteller zeitlich zueinander passend und nach dem Usus der Avignoner Indulgenzen eintrug. Lediglich bei Franziskus von Kertsch irrte er (oder die von ihm verwendete Vorlage) sich: Er sah für ihn einen Bischofstitel vor, obwohl der Erzbischofstitel richtig gewesen wäre. Die Anzahl der ursprünglich vorgesehenen Aussteller lässt sich an Hand der Siegelschnüre und der an diesen hängenden minimalen Resten von Siegelwachs bestimmen. Leider lässt sich aufgrund des schlechten Erhaltungszustands der Siegel nicht erkennen, ob die Siegelreste mit einem der genannten Bischöfe übereinstimmen könnten.
      Für welche Institution der Sammelablass ausgestellt hätte werden sollen, ist wegen des fast vollständigen Fehlens des Text nicht erkennbar. Daher fehlt auch die Datierung, die bei vollständigen Stücken den Ausstellungszeitpunkt exakt angibt.
      Martin Roland, Markus Gneiss


      LanguageLatein
      Places
      • (Avignon)
        • Type: Ausstellungsort
      • Frankreich (Kurie)
        • Type: Region
      Persons
      • Alamannus von Soana
        • Andreas von Coron
          • Bartholomäus von Comacchio
            • Franziskus von Kertsch
              • Galganus von Aleria
                • Guillelmus von Bar
                  • Johannes
                    • Johannes von Terralba
                      • Nikolaus von Karpathos
                        • Petrus von Monte Marano
                          • Philipp von Salona
                            Keywords
                            • Illuminated Charters: Niveaus:
                              • N1: painted
                              • N1: historiated
                              • N1: Initials
                              • N1: with Additional Colours
                            • Glossary of illuminated charters (in German):
                              • Historisierte Avignoner Bischofsammelindulgenz
                              • Werkstatt der Avignoner Bischofsammelindulgenzen
                              • Vorlage
                            • IllUrk-Urkundenart:
                              • Bischofsammelindulgenz
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